pressestimmen:
UND WIEDER WAR`S DIE FLEDERMAUS - EIN SINGSPIEL ÜBER DAS ENDE DER MENSCHHEIT
[…] Verpackt wird diese absurd anmutende Story in ein Singspiel. Operettenhaft ist hier allerdings gar nichts.
Bei allem Humor, den „MARIA UND DIE FLEDERMAUS“, uraufgeführt am Freitag im Theater am Werk hat: Die Angst vor dem Weltuntergang wird hier nicht verblödelt. Die hier anwesenden singenden und sprechenden Tiere sind von einer überzeugenden Dringlichkeit, wenn sie mahnen: „Es gibt gewisse Probleme mit der Menschheit.“ Und das leugnet nicht einmal der einzige Mensch unter den Anwesenden, die Tierärztin.
Autor Johannes Schrettle hat sich mit seinem Musical „Horses“ bereits einen Namen gemacht mit Sujets, die für eine musikalische Revue überraschend wirken.Ging es in „Horses“ um Themen wie Flüchtlingskrise und Rechtsextremismus, stehen nun Klimawandel und das Scheitern der Menschheit insgesamt auf dem Programm. Gemeinsam mit Martin Hemmer und Imre Lichtenberger Bozoki (Musik) deutet er eine sich vorbereitende Apokalypse an. Das gelingt erstaunlicherweise. Vielleicht auch, weil man, trotz des großen thematischen Rahmens, nicht übertreibt […]. Alles hier wirkt sehr konzentriert.
Die Musik hat stellenweise echtes Schlagerpotenzial […]. Und dabei wird herrlicher Unsinn geschmettert: „Vielleicht bin ich bald tot, ich weiß nicht viel, ich riech nach Kot“.
Das Bühnenpersonal macht seine Sache durch die Bank hervorragend […].
Ansonsten wird fast alles hier gesungen, und das in einer meist außerordentlichen Qualität […].
Ein wilder, witziger Abend, dem man höchstens die doch sehr ambitionierte Länge von 150 Minuten vorwerfen kann. Ansonsten gilt: Die Dinge sind zu ernst, um sie nicht besingen zu können.
KURIER, Barbara Beer 26.09.2026
Musiktheatertage Wien
Maria und die Fledermaus
PLANET DER TIERE
Redseliger Hund, angriffslustige Fledermaus, Klimakrise, Blackout und Artenkonflikt
[…] So besonders das Setting, so außergewöhnlich das Stück. „Maria und die Fledermaus“ ist weder Operette noch Musical, es nennt sich ein „artenübergreifendes Singspiel“. Und da wird gesungen, gibt es einen umfangreichen Text und es darf gelacht werden. In der Tierarztpraxis von Maria hat Hund Zuki viel zu sagen, irrlichtert Schildkröte Camilla durch die Räume, ein Igel spart nicht mit Weisheiten, ein Meerschweinchen dreht gehörig auf und Fledermaus Rocky plant eine Revolution. Irgendwann in der ersten Hälfte des Stückes hat der Zuschauer den Überblick darüber verloren, wer genau wann einen Umsturz plant, wer den Blackout ausgelöst hat und wann das Virus eingeschleust wird. Letztendlich ist der genaue Inhalt auch bedeutungslos, es dreht sich doch alles um Klimakrise, den Umgang der Arten untereinander, Entfremdung und gesellschaftlichen Wandel. Wie schnell skizzierte Fragmente reihen sich die Szenen aneinander und senden immer wieder die gleiche Botschaft: Es ist alles nicht so einfach im Zusammenleben zwischen Mensch und Tier.
Die Zusammenarbeit des Autors und Dramatikers Johannes Schrettle mit Musiker (Jazztrompeter), Komponist und Regisseur Imre Lichtenberger Bozoki ist nicht die erste. Mit der Produktion „Horses“ konnte das talentierte Duo, gemeinsam mit Georg Breinschmid und Martin Hemmer, viel Anerkennung einheimsen. Hemmer zeichnet auch in „Maria und die Fledermaus“ zusammen mit Lichtenberger Bozoki für die Musik verantwortlich. Ein wilder Ritt durch alle Musikstile, gefällig, interpretierbar für jede Stimme, ob gut ausgebildet oder nicht – am Klavier Anna Maria Schnabel und an der Hammond-Orgel Valeria Lanner.
Michaela Bilgeri gibt eine gestresste, tierliebende und verpeilte Maria. Martin Hemmer darf als Hund Zuki komisch, nervig und auch etwas treulos sein. Lucia Miorin ist eine zuckersüße, aber gefährliche Rocky und Alice Peterhans ein ziemlich überdrehtes Meerschweinchen. Die besten Kostüme (Aleksandra Kica) dürfen der Igel (Suse Lichtenberger) und die Lampe (Sebastian „Cosbo“ Hiti) tragen. Auch wenn man als Zuschauer ein wenig verwirrt zurückbleibt, zeigte das Team eine sehr ambitionierte Leistung, die mit kurzem, aber heftigem Applaus belohnt wird.
ORPHEUS Oper und mehr, Susanne Dressler, 28.09.2026
Musikalisches Gedankenspiel: „Maria und die Fledermaus“ im Theater am Werk
Wie serviert man eine Süßspeise, die nicht zu süß ist? Wie könnte es aussehen, wenn sich die Tiere über die Menschen stellen? Das sind nur zwei jener Fragen, die Imre Lichtenberger Bozoki bei der Entwicklung des Singspiels „Maria und die Fledermaus“ umgetrieben haben. Die Inszenierung ist noch bis 10. Oktober im Theater am Werk zu sehen.
In der Praxis von Tierärztin Maria scheint ein ganz normaler Tag seinen Lauf zu nehmen: Während Praxishund Zuki (von Zukunft) auf seinen Spaziergang wartet, trippeln und torkeln immer mehr kranke Tiere zur Tür herein. Ihre rätselhaften Leiden lassen sich jedoch nicht einfach mit herkömmlichen Schmerzmitteln eindämmen. Überhaupt scheint sich etwas Unheilvolles über Wien zusammenzubrauen. Als während eines Blackouts auch noch eine äußerst flatterhafte Fledermaus mit Revolutionsgedanken gegen die Fensterscheibe knallt und sich ein gefährliches Virus auszubreiten droht, wirkt es so, als würde die alte Ordnung endgültig in Stücke brechen. Vielleicht hilft in dieser Situation nur noch die Operette, die sich in der Vergangenheit ja bereits mehrfach als probates Mittel zur Verdrängung von Krisensituationen beweisen konnte. Als süßes, nicht verschreibungspflichtiges Gegengift, dessen Wirkung sich immer dann besonders gut entfaltet, wenn sich große Umbrüche abzeichneten.
Ein Gedankenspiel
In der Praxis sieht die Sache jedoch ein wenig anders aus. Maria schlägt sich zwar auf die Seite der aufständischen Tiere, doch ihr Hund Zuki setzt alles daran, sie diesbezüglich an der kurzen Leine zu halten. „Fledermausfreiheit gibt es nur in der Operette“, heißt es gegen Ende des Stücks, das von Johannes Schrettle und Imre Lichtenberger Bozoki erdacht wurde. Die erste Idee für „Maria und die Fledermaus“ kam ihm im Zuge der Covid-Pandemie, als über die Fledermaus als Überträgerin von Coronaviren diskutiert wurde, erzählt Lichtenberger Bozoki, den wir nach der zweiten Hauptprobe im Theater am Werk im Kabelwerk treffen. „Das war der erste Nukleus. Von dem aus habe ich mich mit Donna Haraway beschäftigt, aber auch mit Zoonosen und unserem Umgang mit Tieren. Ich glaube total an den philosophischen Ansatz, dass es der Welt nur dann gut gehen kann, wenn es der Natur, den Tieren, den Pflanzen und den Menschen gut geht. Ich halte es für eine grundlegend falsche Idee, sich als Menschheit über die Natur zu stellen. Wozu das führt, sehen wir ja tagtäglich. Wir fahren den Karren gegen die Wand.“
Er erwähnt in diesem Zusammenhang unter anderem Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“, der ebenfalls mit der Frage spielt, was passiert, wenn die Tiere die Kontrolle übernehmen. „Wir sind nicht die ersten, die das machen, aber wir wollten etwas zu dieser Diskussion beitragen. Außerdem geht es uns nicht darum, Antworten zu liefern, sondern um die Möglichkeit, ein Gedankenspiel in Gang zu bringen“, meint Lichtenberger Bozoki.
Martin Hemmer hat einen Teil der Songs komponiert und spielt den Praxishund Zuki.
Wie serviert man eine Süßspeise?
Bei aller Dystopie gibt es in „Maria und die Fledermaus“ auch utopische Momente. Wie etwa, dass es möglich ist, sich arten- und speziesübergreifend zu verstehen und zu verbünden. Außerdem ist das Singspiel, das seit 25. September im Theater am Werk zu sehen ist, in all seiner Absurdität auch unheimlich komisch. Auf seiner Reise durch die unterschiedlichen Genres des Musiktheaters ist „Maria und die Fledermaus“ seine dritte Station. „Nach Musical (‚HORSES‘) und Oper (‚Warum bricht mein Knie gerade jetzt‘) widme ich mich dem Singspiel bzw. der Operette. Ich bin ein großer Fan
von Genres aller Art. Sie zeugen von verschiedenen musikalischen und ästhetischen Ideen aus verschiedenen Traditionen“, hält der Musiker und Regisseur fest. Daraus zu lernen und sie gleichzeitig in sein eigenes, heutiges Kunstverständnis zu integrieren, sei für ihn eine der wichtigsten Triebfedern seiner Arbeit, fügt er hinzu.
„Es gibt kein Genre, in dem es kein einziges gutes Werk gibt. Wer das behauptet, hat sich einfach nicht genug damit beschäftigt.“ In Wien gäbe es außerdem so viel zu sehen, dass oft ein Untertitel reicht, um Menschen davon abzuhalten, sich etwas anzuschauen, fügt er hinzu. „Bei ‚Horses‘ habe ich die Erfahrung gemacht, dass es Leute gab, die nicht gekommen sind, weil sie gelesen haben, dass es ein Musical ist. Auf der anderen Seite fand ich es unglaublich schön, wenn Zuschauer*innen nach der Vorstellung gesagt haben: Eigentlich mag ich keine Musicals, aber das war super.“
Hier entsteht der großartige Sound von „Maria und die Fledermaus“.
An der Operette bzw. dem Singspiel hätte ihn Folgendes besonders interessiert: Wie serviert man eine Süßspeise, die nicht zu süß ist? „Für mich hat eine gute Operette sehr viel mit Backen zu tun“, sagt Lichtenberger Bozoki lachend und setzt nach: „Ich habe beispielsweise für die Rolle der Maria sehr leichte und beschwingte Lieder geschrieben, die sehr nah am Walzer sind. Gleichzeitig hat Martin Hemmer ganz andere Lieder geschrieben. So gibt es unter anderem eine Figur namens Frau Hofer, die Zwölfton singt. Wenn sie nicht singt, ist sie eine sehr verunsicherte Frau aus der Arbeiterklasse, doch wenn sie Zwölfton singt, hat sie plötzlich Superkräfte. Rocky, die Fledermaus, hat wiederum etwas sehr Musicalhaftes. Wir haben also innerhalb des Genres noch einmal mit Genres gespielt.“
Ähnlich wie bei „Horses“ hätte sich durch die Musikdramaturgie für die einzelnen Figuren dieses bunte musikalische Bouquet ergeben, hält der Musiker und Theatermacher abschließend fest. „Wir sehen all diese Genres als wunderbare Möglichkeiten, um musikalisch aus dem Vollen zu schöpfen. Als Komponisten sind wir von Nirvana oder Def Leppard genauso inspiriert wie von Schönberg, Mozart oder den gregorianischen Chorälen.“
Wer den Drang danach verspürt, kann sich beim Anschauen von „Maria und die Fledermaus“ auch auf Spurensuche begeben und versuchen, Parallelen zur Strauss’schen „Fledermaus“ zu finden. Der ursprüngliche Titel der Operette – „Die Rache einer Fledermaus“ – passt ja schon einmal ganz gut.
BÜHNE, Sarah Wetzlmayr, 30.09.2026
